Lohnsteuerjahresausgleich

Zu den allergräßlichsten Qualen, die der zivilisierte Mensch sich seit dem Ende der Inquisition hat einfallen lassen, gehört die Pflicht zum jährlichen Abgeben eines Lohnsteuerjahresausgleichs.

Nun wird mancheiner sagen, daß es auf Gottes Erde Menschen gibt, die in ihrem Leben noch nie einen Lohnsteuerjahresausgleich abgegeben haben und trotzdem leben, und das sogar glücklich, aber dies Argument gilt nicht. Diese Menschen hatten nicht meinen Vater als Vater, sie hatten keine pflichtbewußte lutherische und obendrein bürgerliche Erziehung, sie sind nicht in Mitteleuropa aufgewachsen, oder sie hatten irgendeinen anderen glücklichen Umstand in ihrem Lebenslauf, den ich nicht hatte, und sind deshalb kein Maßstab. Ein anständiger Mensch gibt jeden Jahr seinen Lohnsteuerjahresausgleich ab, und, schlimmer noch, ein anständiger Mensch bekommt dabei auch noch einen Haufen Geld vom Finanzamt zurück, was die Hürde noch höher legt.

Die Chancen auf einen solchen Erfolg werden ganz erheblich durch den Umstand gemildert, daß ich dazu neige, Briefe, die keine Briefmarke tragen (also heutzutage praktisch alle) zwar einmal pro Woche (das reicht) aus dem Briefkasten zu holen, dann aber ungeöffnet in irgendeiner Ecke der Wohnung abzulegen und fürderhin keinen weiteren Gedanken an sie zu verschwenden. Damit wäre das Problem i.d.R. auch erledigt, wenn dann nicht immer mal eine „Zweite Mahnung“ käme (die „Erste“ liegt ungeöffnet in derselben Ecke wie die Originalrechnung, möglicherweise aber auch in einer anderen).

Also suche ich einmal im Monat nach irgendwo herumliegendem ungeöffnetem Papierkram (es gibt so 3-4 übliche verdächtige Ecken in der Wohnung, in denen ich schauen muß, soviel weiß ich inzwischen), stopfe alles, was nach Geldkram aussieht und auf dem das Jahr 200X steht, in eine Klarsichthülle mit der Aufschrift „Jahr 200X“ und harre der weiteren Ereignisse. Kurz vor Weihnachten suche ich schweren Herzens nach der besagten Klarsichthülle, rechne „Erträge aus Kapitalvermögen“ und „Anrechenbare Kapitalertragssteuer“ zusammen und trage sie in mir geeignet erscheinende Zeilen dieses häßlichen grünen Formulars ein. Das betrifft natürlich nur diejenigen Bescheinigungen, die ich bis dahin in entlegenen Ecken meiner Wohnung gefunden habe, weswegen die Beträge, die ich dem Finanzamt jährlich angebe, stark schwanken. Bisher hatte ich noch keinen Steuerfahnder im Haus, was wahrscheinlich an der Lächerlichkeit meines zu versteuernden Einkommens liegt, aber ich schwöre beim Leben meiner toten Großmutter, alle aufgefundenen Papiere beigefügt zu haben und ganz gewiß kein Geld nach Liechtenstein abgezweigt zu haben. So einen Aufwand würde ich im Leben nicht betreiben, und erst recht nicht wegen so etwas Irrelevantem wie Geld (im Notfall tue ich große Dinge für eine schöne Frau, aber bestimmt nicht für Angelegenheiten, die in Briefen ohne Briefmarke zu mir kommen).

Ich versuche mich jedes Jahr aufs neue zu motivieren, indem ich mir den Quotienten aus zu erwartender Rückzahlung und zu erwartendem Zeitaufwand ausrechne, der in der Tat einen beeindruckenden Stundenlohn, ohne Frage den höchsten des Jahres zum Ergebnis hat. Dies gilt aber nur, wenn ich die tatsächlichen Arbeitsstunden in den Nenner setze, ohne die Wochen und Monate, in denen ich unter Gewissensqualen diese entsetzliche Tätigkeit vor mir herprokrastiniere und ständig Sätze denke, die mit „eigentlich müßte ich….“ beginnen.

Jedenfalls habe ich es heute tatsächlich geschafft. Einen Tag nach Abgabeschluss für die Lohnsteuererklärung 2008, und ein Jahr und einen Tag nach dem für die von 2007. Keine Ahnung, ob die im Finanzamt noch irgendwer liest. Bisher habe ich meine Steuererklärungen immer erst kurz vor Ende der Zweijahresfrist abgegeben. Kann sein, daß für Studenten irgendwelche anderen Regeln gelten. Egal. Jedenfalls hab ich mich ins Café in meiner Straße gesetzt und bei (ziemlich viel) Bier meine scheiß Formulare ausgefüllt.

Generell denke ich, daß man Papierkram immer nur in komplett alkoholisiertem Zustand bearbeiten sollte. Solche Qualen kann kein fühlendes Wesen in nüchternem Zustand ertragen.

Nachdem ich das Schlimmste hinter mir und tatsächlich einen schönen arbeitsfreien Sonnentag mit widerlichem Papierkram verschwendet hatte, hab ich mir noch ein weiteres Bier geholt und mich raus in die Abendsonne gesetzt, wo dann noch eine tatsächlich wichtige Aufgabe auf mich wartete: ein Kerl in meinem Alter, der gestern nach zehn Jahren Beziehung von seiner Frau verlassen wurde. Er ist ein erfolgreicher Grafikdesigner und Musikproduzent und ein liebevoller Vater, aber seine Karrierejuristinehefrau hält ihn für einen Versager, weil er lieber mit seinem Freund einen alten Bauernhof als Familienwohnsitz ausbaut, statt eine Protzvilla mit Swimmingpool zu kaufen.

Jeder sollte sich auf die Lebensbereiche konzentrieren, in denen seine Stärken liegen. Und meine liegen anscheinend darin, an Sommerabenden mit viel Bier und getaner Arbeit einen sympathischen Geschlechtsgenossen dazu zu beglückwünschen, eine oberflächliche und komplexbeladene Zwangspatientin losgeworden zu sein, und ihm alles Gute für eine Zukunft zu wünschen, die hoffentlich von einer Frau geteilt wird, die seine Qualitäten wertzuschätzen weiß.

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~ von mainwasser - 1. Juni 2009.

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